ABSEGELN MIT HERWART

 04.12.2017 – 500 Jahre Reformation wurden am 31. Oktober 2017 gefeiert und dafür gibt es einmalig einen Feiertag. Als Segler ist man ja dem Gott verbunden, denn er war sicher auch ein Segler, besungen selbst von der Kultband Santiano. Glücklich gelegen auf einem Dienstag, also mit Montag als Brückentag vier freie Tage, perfekt für das Absegeln auf der X 332 “Relax“.
Am Freitag, den 27. Oktober fuhren wir gutgelaunt (Skipper Michael, Wolfgang und Julia) nach Burgtiefe und gingen an Bord. Der Wetterbericht kündigte bereits das Tief Herwart an, allerdings erst für die Nacht von Samstag auf Sonntag. Also lösten wir am Samstag nach einem kräftigen Frühstück die Leinen und steckten den Kurs nach Travemünde ab. Im Windschatten der Küste sollte es wohl möglich sein.


Die Vorhersage sagte 30 bis 40 kn an, also hatten wir uns für die G 4 als Besegelung entschieden. Das erwies sich auf dem am Wind Kurs als richtig. Mit bis zu 8 kn brausten wir gen Süden. Nachdem wir Dahme passiert hatten, wurden die Wellen immer höher und der Wind böiger. Unser Ziel Travemünde konnten wir nicht anliegen. Die Kreuz nur unter G 4 wurde schwierig und so entschieden wir Grömitz anzulaufen. Im sehr leeren Hafen haben wir uns einen Liegeplatz dicht am Ufer im Windschatten gesucht und die Relax ordentlich vertäut. Das Hafenmeisterbüro hatte schon geschlossen. So sind wir zum Aufwärmen in die Hafenkneipe gegangen. Nach Glühwein und Lumumba ging es uns gut. Die Dame hinter dem Tresen konnte uns auch mit einem Schlüssel für die sanitären Anlagen, gegen die übliche Kaution, versorgen. So war für die heiße Dusche gesorgt.
In der Nacht fegte dann Herwart über uns hinweg. Der Wind heulte, die Wellen platschten gegen den Rumpf und die Festmachter hielten. Wir mussten nur das steigende Wasser ausgleichen durch Nachstecken der Leinen. Einige der alten Stege waren komplett unter Wasser.
Am Sonntag beim Frühstück verfolgten wir die Nachrichten: Sturmflut in Hamburg! Die Deutsche Bahn hat aus Sicherheitsgründen den Fahrbetrieb in Norddeutschland eingestellt. Viele Bäume entwurzelt oder umgefallen.

  

Und was machen wir? Wir studierten den Wetterbericht und entschieden ab Mittag auslaufen. Vorher haben wir in das Großsegel Reff 2 eingebunden. Das sollte raumschots die richtige Besegelung nach Travemünde sein. Beim Auslaufen wurden wir recht skeptisch von anderen Seglern beäugt, aber vielleicht war es auch nur Neid. Bei perfekten Rückseiten Wetter mit Sonne, Schäfchenwolken und um die 35 kn Wind ging es sehr flott nach Travemünde. In der Trave angekommen fing die Suche nach einem Liegeplatz an. Der Yachthafen am Priwall präsentierte sich als große Baustelle. Also auf die vornehme Seite, doch leider waren hier die meisten Stege aufgrund des Hochwassers überflutet. Einen Steg beim LSV fanden wir dann, welcher gerade noch eine Handbreit hoch aus den Fluten schaute. Mit dem Bug legten wir Richtung eines dicken Pollers an, welchen wir dann als Treppe nutzen konnten, um auf den Steg zu gelangen. Als Belohnung gab es einen genüsslichen Sundowner im Cockpit, bestaunt von den an Land wandelnden See(h)touristen.

Aufgrund der Jahreszeit und des Hochwassers war der Strom abgestellt. Eigentlich kein Problem, aber mit unserer eigenen Ladung mit der Lichtmaschine schien etwas nicht zu stimmen. Also verschwanden Michi und Wolfgang mit den Köpfen bei der Maschine und wurden schnell fündig. Zuwenig Spannung auf dem Keilriemen der Lichtmaschine und oh Schreck! Auch noch ein Anriss. Wie gut, dass die Relax, auch als Charterschiff, über viele Ersatzteile verfügt, so auch über einen entsprechenden Keilriemen. Doch wie sollte es nun mit dem Austausch vor sich gehen? Michi sagt nicht verzagen und ruft seinen Segelfreund Lars an. Und was für ein Glück, Lars will am nächsten Tag sein Schiff in Neustadt aus dem Wasser nehmen. Damit stand fest, dass es am Montag gleich nach dem Frühstück hieß, Segel hoch und ab zur Ancora Marina. Dort lief es dann ab wie bei der Formel Eins: Boxenstopp! Bis kurz vor die Hafeneinfahrt gesegelt, ab in die Box, Lars kommt mit großem Werkzeugkoffer an Bord, nach 60 min ist der Keilriemen gewechselt, Segel wieder hoch und weiter nach Grömitz. Die Bedingungen waren traumhaft, leichter ablandiger Wind und Sonne, juhuchhu, kann Segeln schöner sein als bei diesem Licht? Abends in Grömitz warteten wir auf Cara, die Freundin von Michi. Cara musste die Tage noch leider für Ihre Prüfung lernen, wollte aber zu mindestens einen Tag dabei sein, um sich von Wind und Sonne den Kopf frei pusten zu lassen. Leider hielt die Sonne nicht mehr bis Dienstag aus. Dafür hatte der Wind nach Südwest gedreht und wir konnten doch noch den Gennaker für die Rückfahrt auspacken. So wurde die Rückfahrt deutlich schneller, als die etwas mühsame Hinfahrt am Samstag, aber so ist es halt beim Segeln. Cara konnte den Highspeed an diesem Tag immerhin auf über 10 kn puschen.

Das Resümee dieser vier Tage war für uns super. Wer hätte es gedacht, dass wir Ende Oktober noch solche schönen Tage erleben durften.
Text: Julia Pechstein, Wolfgang Goeken. Fotos: Michael Stötzel