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SILVERRUDER 2017

06.10.2017 – Mit dem H-Boot nonstop alleine rund Fünen. Um 7:30 liegt noch Nebel über dem Hafen vom Svendborg. Kein Lüftchen regt sich. Einzig das Wasser im Svendborgsund strömt kräftig nach Osten. Ein Blick in den Himmel verspricht einen schönen sonnigen, aber flauen Spätsommertag.

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Heute wird zum sechsten Mal die Silverrudder Challenge gestartet, d.h. ein Boot, ein Skipper, 134nM nonstop rund Fünen. Ich bin mit Umoja, meinem H-Boot, zum dritten Mal dabei. Wie erhofft, geht es in diesem Jahr im Uhrzeigersinn um die Insel.
Seit Tagen prognostizieren die Wetterfrösche schwache Winde bis max. 5 m/Sek. aus Süd bis Nordost. Ich habe mich seelisch auf ein langes flaues Rennen eingestellt.
Als ich um 10:33 die Startlinie passiere, hat sich tatsächlich eine leichte östliche Brise eingestellt. Mit 1-3 SOG gehen wir auf die Reise. Es wird die Suche nach den Windfeldern und den Neerströmen.
Ich habe eine glückliche Hand bei der Wahl meines Kurses und kann mich bald von meinen Konkurrenten absetzten.

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Trotzdem bleibt Gelegenheit sich an dem Jagdverhalten der Schweinswale zu erfreuen, die zahlreich um mich herum schwimmen.

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5 Stunden nach dem Start auf Höhe von Korshavn hat sich unser Start weit auseinandergezogen. Ich bin schon weit in das Feld der vor uns gestarteten Minis hinein gefahren. Dicht gefolgt von H-Boot Kollege Björn. Der südöstliche Wind hat mittlerweile auf West gedreht und wir müssen kreuzen. Der Luv Gewinn ist gering. Die nach uns gestarteten haben mehr Glück und sparen sich das mühsame Aufkreuzen. Unaufhaltsam jagt uns die Meute.

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Die uns auf Höhe Lyö gegen 18:30 stellt und in Windeseile überholt.

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Es dämmert schon und kurz darauf beginnt die erste Nacht. Ich wechsle die Garderobe auf Wintermodus, sind doch für die Nacht Tiefsttemperaturen von 5° C vorhergesagt. Um 20:30 habe ich Helnæs Leuchtturm querab und mit 3-4 Knoten geht es in der kleinen Belt.

Gegen 3:00 passiere ich die Insel Fænø und erlebe ein besonders beeindruckendes akustisches Naturerlebnis. Der Wind hat sich wieder gegen Null reduziert. Vortrieb liefert einzig der nordsetzende Strom. Das Wasser ist spiegelglatt. Es plätschert keine Bugwelle. Auf den umgebenden Booten macht niemand einen Mucks. Totenstill wäre es, wenn nicht um uns herum das Klicken und Atmen der Schweinswale zu hören wäre. Es muss eine ganze Schule sein so vielfältig sind deren Laute. Unwillkürlich gleitet meine Hand Richtung Wasser, Streicheleinheit?
Auf Fænø unterhalten sich Käuze, eine Rotte Wildschweine durchpflügt den Wald und noch andere Vögel stimmen in das Konzert der Tiere ein. Ich bin total fasziniert und erinnere mich an meinen Besuch im afrikanischen Busch. Ich kann nicht glauben, dass so etwas in unserer zersiedelten Welt zu erleben ist. Alleine für diesen Moment hat sich die Reise gelohnt.

Noch geflasht von diesen Eindrücken treibe ich weiter gen Middelfahrt, wo ich noch bei Stillwasser zwischen 6:00 und 7:00 beide Brücken passiere. Über Strip geht die Sonne bereits wieder auf. 11 Stunden Dunkelheit sind vorbei.

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Es beginnt eine traumhafte Kreuz nach Æbelø. Auf der Kante sitzend, den Ausleger locker zwischen Daumen und Zeigfinger haltend, bleibe ich im tiefen Wasser und hoffe auf die Unterstützung des Nordost setzenden Stroms.  Dieses traumhafte segeln endet jäh mit einer Seenebelbank, die sich vor Æbelø schiebt. Zwar ist sie nicht völlig undurchsichtig, aber sie verschluckt den Wind.

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Über Stunden treibe ich antriebslos auf dem Meer. Die Nachtgarderobe ist der kurzen Hose gewichen, die Sonnencreme wird bemüht. Der Trick durch Essen kochen den Wind herbei zu zaubern misslingt ebenso. Ich muss mich meinem Schicksal ergeben. Motorlos habe ich sowieso keine Wahl. ~4 Stunden dauert es, bis sich wieder eine leichte Brise einstellt.

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Hoch am Wind mit Aussetzern nähere ich mich Fyns Hoved, das ich gegen 18:30 erreiche. Damit beginnt die 2. Nacht. Der Spinnaker geht hoch und beschleunigt mich auf 5-6 Knoten, leider nur durchs Wasser, denn es setzten ~2 Knoten Gegenstrom.

Auf Höhe Kerteminde überlege ich ganz kurz, ob ich hier abbrechen sollte. So hatten H-Boot Kollege Björn und ich es in der Flaute ins Auge gefasst. Dummerweise können wir uns nicht mehr abstimmen, da meine Handy-Akkus leer sind und das Powerpack nicht mit dem an Bord befindlichen Ladekabel kooperiert. Der Wind nimmt immer weiter zu und so komme ich trotz Gegenstrom gut voran. Ich verwerfe den Gedanken an einen Abbruch.

Der Wind steigert sich weiter. Das Spigeschirr beginnt mächtig zu ächtzen. Den richtigen Zeitpunkt zum Spi wegnehmen habe ich längst verpasst. Gegen 23:30 befinde ich mich eine halbe Meile nördlich der Großen Belt Brücke. Ich habe einen Kurs auf den 7. westlichen Brückenbogen abgesteckt. Geblendet durch die Lichter von Nyborg offenbart sich aber keine Brücke. Mit einem Affenzahn fahre ich auf eine schwarze Wand zu. Da sind Durchfahrten rede ich mir gut zu und fahre weiter. Immer noch nichts zusehen. In einem Anfall von Panik hole ich doch den Spinnaker ein und näher mich der Brücke nun langsam nur unter Großsegel. Immer noch keine Brückenbögen zusehen. X-fach durch gesegelt weiß ich natürlich um deren Vorhandensein. Die Urteilsfähigkeit ist nach 37 schlaflosen Stunden offenbar doch eingeschränkt. Ich ändere den Kurs Richtung beleuchtete Durchfahrt und schließe mich den anderen Seglern an, die auch diesen Weg gewählt haben. In der Durchfahrt gebärdet sich der Große Belt wie ein Wildwasser, tierischer Strom, Strudel, kabbelige Wellen. Wir kommen nur im Schritttempo dagegen voran. Aber alles geht gut. Auf der Südseite der Brücke muss ich mich erst mal sammeln. Das Adrenalin hat fürs Erste die Müdigkeit verdrängt. Kann mich gerade noch dazu aufraffen die Fock zusetzen, für mehr (Spi) reicht meine Tatkraft nicht. Den anderen scheint um mich herum scheint es ähnlich zu gehen.

Als ich mich nochmal zur Brücke umdrehte, sehe ich die Brücke mit all ihren Bögen artig da wo sie sein sollen.

Von nun an geht es mit Kurs 190° nur noch 17,5 Meilen Richtung Svendborg Sund. Ich befinde mich auf meiner vorgegebenen Route. Alles ist gut, aber die Psyche spielt mir noch einen Streich. Phantasie und Wirklichkeit vermischen sich. Ich sehe plötzlich Inseln wo keine sind. Positionslaternen von Mitseglern verschmelzen zu ich weiß nicht was, jedenfalls kann ich rot und grün nicht mehr unterscheiden. Gott sei Dank fahren sie in die gleiche Richtung und so bleiben solche Fehleinschätzungen folgenlos. Mein SOG reduziert sich auf unter 1 Knoten. Ich denke ich sitze auf Schiet.

Um 5:16 erreiche ich die Kardinaltonne Thurø Rev. Ich überlege kurz, ob ich bis zum Hellwerden warten sollte, verwerfe den Gedanken jedoch, weil dann Gegenstrom die Reise nochmal deutlich verlängern könnte. Mit elektronischer Navigationshilfe komme ich sicher in den inneren Sund. Dann wird es noch Mal kniffelig. Meine feuchten Finger haben keine Wirkung mehr auf das Tablett. Ich kann die Seekarte nicht auf den erforderlichen Ausschnitt verschieben. Ich verlasse mich auf mein Gefühl, halte mich in der Mitte des Sundes, mache viele kurze Schläge und erreiche so Svendborg ohne das Umojas Kiel den Grund küßt.

Es ist bereits wieder hell und ich kann die Ziellinie sehen, die ich nach 45 Std, 4 Min. und 46 Sek. übersegele.

Kaum gezeitet und auf dem Weg in den Hafen setzt der Strom ein. Er schiebt mich seicht in den Hafen. Dieser ist noch erstaunlich leer. Genau wie mein Kopf.

Gemeldet             414
gezeitet                131
DNC                     107
DNF                     176
Umoja wurde 95. über alles.
Umoja wurde 14. in der gesamten Klasse der kleinen Boote.
Umoja wurde 2. im 2. Start.
schnellste Zeit 29h 33m 53s
langsamste Zeit 49h 23m 53s

Text & Foto: Henning Ancker-Wiewgorra