Ein SailGP in Sassnitz….ist das nicht, als wollte man den Formel1 GP von Deutschland auf dem Travering austragen? Das war mein erster Gedanke, als ich im letzten Jahr von dieser Ortswahl hörte.
Aber weit gefehlt; Sassnitz verfügt über ein geradezu ideales Setup mit der längsten Aussenmole Europas (!!), einem großen Hafen mit ausreichend Logistik-Flächen und nicht zuletzt freundlichen und segelbegeisterten Einwohnern, die den SailGP-Tross samt Publikum mit offenen Armen empfangen haben. Und natürlich über ein tolles Revier direkt vor der Tür, bei dem die Hauptwindrichtung (also westlich) ablandig ist, was zu moderatem Wellengang führt. Und das passt bestens zu den empfindlichen F50 Katamaranen und ihren Foils – Seegang mögen die nämlich nicht so gern.
Dementsprechend – und weil der Windgott auch dieses Jahr wieder generös ausgeteilt hat – gilt Sassnitz inzwischen als das „schnellste“ Revier auf der weltumfassenden SailGP Tour. Sowohl im letzten Jahr (103 Km/h) als auch am letzten Wochenende (107 Km/h) wurden neue Speedrekorde aufgestellt. Kein Tippfehler übrigens: Einhudertundsieben Stundenkilometer! Mit einem Segelboot! Um sich vorzustellen, was da abgeht, möge man einmal bei Regen und Tacho 107 auf der Autobahn die Hand aus dem Autofenster halten – da draussen weht ein Orkan! Und die Foils der F50 sind zwar optimiert für höchste Geschwindigkeiten – fangen aber dennoch irgendwo ab 85 Sachen das Kavitieren an.
Kavitation ist das, was grosse Fähren beim Anlegen und rückwärts Geben immer so rumpeln lässt: Totaler Strömungsabriss an den Propellern – sie drehen sich in einem Vakuum und verlieren jede Wirkung. Dabei entstehen extreme Unterdrücke, die ganze Stücke aus Bronzeguss reissen können und die einem beschleunigenden F50 Kat schlagartig jede Steuerbarkeit nehmen. „Nosedive“ heisst das Ergebnis dann und es ist bestimmt nicht lustig……man muss es sich etwa wie einen entgleisenden D-Zug vorstellen.
Über die sportliche Seite des Events ist schnell berichtet: Es gab zehn Vorläufe in zwei Gruppen von jeweils 6 bzw. 7 Booten und dann einen Finallauf der jeweils besten zwei der Gruppen, also ein Rennen mit vier Booten. Am Ende waren dabei einmal mehr die Australier vorn mit einem deutlichen Vorsprung und ihrem insgesamt einhundertersten Laufsieg, dahinter Kanada, Spanien und Neuseeland mit einem Photofinish bei nahe Null Wind.
Aber der Weg in dieses Viererfinale war hart um kämpft und das Team Germany um Erik Kosegarten-Heil war nach zwei völlig misslungenen und zwei überlegen gewonnen Läufen vor dem entscheidenden fünften Vorlauf ganz nah dran…….Leider hat der Start dann gar nicht gut geklappt und das war’s mit dem Finale. Bei den vorherrschenden, extrem böigen und drehenden Winden hatte das aber wohl auch ein bißchen mit Glück bzw. Pech zu tun. Wir Segler kennen das ja: Erst haben wir kein Glück, und dann kommt auch noch Pech dazu. So lief das bei „Tiem Dschermenni Deutsch Bäänk“ an diesem Wochenende.

Germany SailGP Team presented by Deutsche Bank driven by Erik Kosegarten Heil on Race Day 1 of the ROCKWOOL Germany Sail Grand Prix in Sassnitz, Germany. Saturday 22 August 2026. Rolex SailGP Championship Event 9 2026 Season. Photo: Ricardo Pinto for SailGP. Handout image supplied by SailGP
Was die Organisation betrifft, kann man nur sagen: Toll gemacht, Sassnitz! Eine riesige Tribüne mit bequemen Sitzen direkt vor Start und Ziel, ein trotz langer Schlange zügiger und pünktlicher Einlass und ein gelungenes Rahmenprogramm mit viel Animation, Grinder-Wettbewerb, Simulator, begeisterten Kommentatoren, dröhnenden Bässen (gehört wohl dazu), „La Olas“, Bier in Plastikbechern, Salzbrezeln, Gewinnspielen, Regenschauern, Videowand und 15.000 begeisterten Zuschauern. Ein Highlight war für uns auf jeden Fall die von zwei supernetten Seglerinnen geführte Tour durch das Fahrerlager am Freitag vor den Rennen. Was will man mehr!?
Auch Sassnitz hat seinen Reiz: klassische Ostsee-Seaside-Architektur harmoniert überraschend gut mit dem Hotel-Betonklotz aus DDR-Zeiten und einer ambitionierten, kühn geschwungenen Hängebrücke vom Oberland runter zu Hafen. Ein sehr guter und preiswerter Italiener direkt an der Promenade, viele Begegnungen sowohl mit den Teilnehmern (habe Phil Robertson die Hand geschüttelt – wow!) als auch jeder Menge anderer Segler und alter Bekannter. Anzutreffen waren u.a. die Familien Zietz und Hahlbrock aus dem HSC – da sag nochmal einer, bei uns im Verein würde sich niemand für das internationale Regattageschehen interessieren!
Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass das ganze für vergleichsweise kleines Geld zu haben war, wenn man – wie wir – einen Campingplatz in der Peripherie nutzt und dafür den 100 Höhenmeter-Anstieg mit dem Fahrrad nach den Rennen in Kauf nimmt…….puh; vielleicht sollte ich doch mal ein E-Bike anschaffen!?
Der SailGP in Sassnitz war auf jeden Fall eine Reise wert und die nächste Ausgabe 2027 (wieder Sassnitz!) ist eine klare Empfehlung für alle, die sich für die Regattasegelei interessieren und ein aufregendes Wochenende an der See verbringen möchten. Und vielleicht wird dann ja die 110 km/h-Marke geknackt!?

Explora Journeys Swiss SailGP Team driven by Sebastien Schneiter leads Germany SailGP Team presented by Deutsche Bank driven by Erik Kosegarten Heil, Mubadala Brazil SailGP Team driven by Martine Grael and Emirates Great Britain SailGP Team driven by Dylan Fletcher on Race Day 2 of the ROCKWOOL Germany Sail Grand Prix in Sassnitz, Germany. Sunday 23 August 2026. Rolex SailGP Championship Event 9 2026 Season. Photo: Jonathan Nackstrand for SailGP. Handout image supplied by SailGP
Fotos: Felix Diemer
Bericht: Andreas Borrink





